32 das Gipfel-Gespräch Mittwoch, 27. August – Dienstag, 2. September 2025 Wenn Ströme zusammenfliessen: Mit Sonne gegen Durst, mit Wasser für Frieden Beim diesjährigen Bewusst- seinssymposium in Davos zeigt Orlando Vecellio, Brü- ckenbauer im DesertGree- ner-Projekt, warum die glo- bale Wasserkrise nicht nur technisch, sondern auch ein menschliches und gesell- schaftliches Thema ist. Er verbindet die Technologie mit Menschen und Ideen – und erklärt, wie Wasser zum Schlüssel für Frieden und Bewusstsein wird. Dr. sc. Rebecca Ragaz, Autorin Herr Vecellio, wenn Sie die aktuelle Situation der Menschheit in Bezug auf Gesundheit, Bewusst- sein, Frieden, Freiheit, Leben und Vertrauen betrachten – welche Entwicklungen oder Tendenzen fallen Ihnen dabei besonders auf? Orlando Vecellio: Es gibt heute zwei Welten, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein. In der einen Welt fliesst Wasser im Überfluss: sauberes Trinkwasser aus der Leitung, Bewässerung für Fel- der, Industrieprozesse, Swim- mingpools. Hier ist Wasser so selbstverständlich, dass wir kaum darüber nachdenken. Wirtschaft, Ökosysteme und Gesellschaft funktionieren im Einklang, getragen von einer Ressource, die wir als gegeben hinnehmen. In der anderen Welt ist Wasser ein täglicher Kampf. Rund ein Viertel der Menschheit lebt im ständigen Wasserstress, oft zusätzlich unter den Folgen fortschrei- tender Wüstenbildung. Dort bedeutet «Wasser holen» nicht den Griff zum Wasserhahn, sondern stundenlange Mär- sche unter brennender Son- ne. Felder vertrocknen, Ern- ten brechen ein, Arbeitsplätze verschwinden und mit ihnen die Lebensgrundlage ganzer Familien. Dieser Gegensatz ist mehr als eine Statistik, er Orlando Vecellio, Brücken. bauer im DesertGreener- Projekt, spricht am Bewusst- seinssymposium in Davos. ist eine stille, globale Spal- tung. Sauberes Wasser ist der Schlüssel zu Gesundheit, Stabilität und Frieden. Solan- ge diese Kluft besteht, werden die Krisen der einen Welt auch die andere erreichen. Handeln müssen wir jetzt. Sie beschäftigen sich intensiv mit der globalen Wasserkrise. Warum ist Wasser für Sie nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein Bewusstseins- und Frie- densthema – und damit ein passendes Thema für das Bewusstseinssymposium? Stellen Sie sich zwei Dörfer vor: Im einen fließt sauberes Wasser, Kinder gehen zur Schule, Felder sind grün. Im anderen herrscht Knappheit: Felder liegen brach, Kinder schleppen Kanister, Krankhei- ten breiten sich aus – Spannun- gen wachsen. Der Unterschied zwischen beiden Orten ist nicht die Mentalität der Menschen, sondern der Zugang zu Was- ser. Dort, wo Wasser vor- handen ist, entsteht Stabilität, Vertrauen und Gemeinschaft. Wo es fehlt, beginnt der Zer- fall, und nicht selten führt er zu Konflikten oder Migration. Das macht Wasser zu einem Friedensfaktor. Wer über Was- ser spricht, spricht auch über Verantwortung, Gerechtigkeit und unser Bewusstsein fürei- nander. Genau deshalb gehört dieses Thema auf das Bewusst- seinssymposium: Hier spre- chen Menschen über Transfor- mation – und Wasser ist ein zentrales Element. Das Projekt «Desert- Greener», das Sie unter- stützen, verspricht autarke, saubere Wassergewinnung – selbst in trockenen oder salz- haltigen Regionen. Können Sie erläutern, wie diese Tech- nologie funktioniert und wel- che Erfolge oder Pilotprojekte es bereits gibt? Die Technologie ist in 120 Ländern zum Patent ange- meldet und unterscheidet sich von herkömmlichen Entsal- zungsanlagen durch ihre auss- ergewöhnlich hohe Effizienz in der Nutzung von Solarenergie. Dank innovativem Energiere- cycling erzielt sie einen Effekt, der wie eine Energievervielfa- chung wirkt und im Vergleich zu herkömmlichen Solarsyste- men mindestens die 25-fache Energieausbeute liefert. Durch diese Energieausbeute kann eine einzige Anlage auf einer Fläche von nur etwa einem Hektar, das entspricht der Grösse eines Fussballfelds, inklusive der Spiegelanlagen, errichtet werden. Auf dieser Fläche erzeugt sie 150 Milli- onen Liter reines Wasser pro Jahr, frei von Mikroplastik, Schwermetallen oder Öl. Ein wesentlicher Vorteil ist die Wirtschaftlichkeit: Sonnen- energie ist kostenlos, ebenso das zu reinigende Wasser. Die Anlagen sind so konzipiert, dass sie mindestens 30 Jah- re lang zuverlässig arbeiten, mit geringen Wartungskos- ten und nach dem Prinzip «Zero Waste». Alle Rück- stände werden weiterverwer- tet, als Speisesalz, Streusalz oder für die Gewinnung von grünem Wasserstoff, Chlor und Natronlauge. Der Proto- typ steht am Fraunhofer-In- stitut für Bauphysik IBP in Deutschland. Dort zeigt sich bereits, dass diese Technolo- gie ein Meilenstein werden kann. Der nächste Schritt ist die Errichtung einer grossen Pilotanlage, voraussichtlich im ersten Quartal 2026. Dann wird sichtbar werden, wie diese Technologie im grossen Massstab funktioniert. Dahin- ter stehen 16 Jahre Forschung und Entwicklung sowie die enge Zusammenarbeit mit Fraunhofer seit 2018. Bildung, internationa- le Kooperation und kulturel- le Sensibilisierung sind oft entscheidend, damit techni- sche Innovationen langfris- tig wirken. Wie fliesst die- ser Aspekt in DesertGreener ein? Im Moment liegt der Fokus noch auf der technischen Umsetzung. Aber schon jetzt ist klar, dass DesertGreener nicht bei Technik stehenbleibt. Der Gründer plant, langfristig rund 10 Prozent des Unter- nehmensgewinns in Human- projekte zu investieren – etwa Fortsetzung Seite 30